Monasterium Anrode

Das Zisterzienserinnenkloster Anrode

1268-1810




Ansicht um 1845
(Nach Carl Duval)



Johann Franz Justus von Wedemeyer
(1745 bis 1819)
Hannoverscher Oberamtmann
kaufte 1811 das ehem. Kloster Anrode
und war der erste aus der Familie von Wedemeyer
(Foto. Ch. v. Wedemeyer)



Johann Andreas II Wiersdorff
(geb. 1825, gest. 1894 in Anrode)
Millionär, Besitzer mehrerer Zuckerfabriken
und erster Besitzer des Gutes Anrode aus der Familie Wiersdorff.
Diese war von 1886 bis 1927 Besitzer des Gutes Anrode
(Foto: Wiersdorff)


(Quelle: Kanonenbahnverein)


Kirche und ehem. Propstei um 1930


Propstei, Kirche und Nonnenhaus um 1925


Einst zierten schöne Malereien die Wände des Remters



Rempter mit Fußbodenheizung
(Foto: J. Urbach)



Gasthaus und Rempter 1901
(Foto: Wiersdorff)


Rempter
(Foto: Wiersdorff)


Gast- und Gerichtshaus u. Rempter
(Foto: Wiesdorff)


Rempter 2017


Gasthaus 2017


Fahne mit der Jahreszahl 1678


Ansicht um 1910
(Otto Tomaszek)


Ansicht um 1920
(Foto: Wiersdorff)


Kirche und Nonnenhaus 1927
(Foto: Wiersdorff)


Büttstedter Torhaus um 1928
(Foto: Wiersdorff)


Büttstedter Torhaus - 2017


Gesamtansicht 1972 (Das Volk)









Ansicht 2017


Das Ende klösterlichen Lebens in Anrode vor 200 Jahren
 

Ein Bericht von mir aus dem Jahre 2010 

Wer von Bickenriede nach Büttstedt fährt oder geht sieht vor dem Ortsausgangsschild - in Höhe des Strasskopfes - rechts im Tal der Luhne die Dächer des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Anrode. Carl Duval beginnt in seinem 1845 erschienenen Buche „Das Eichsfeld“ den Artikel über Anrode mit folgenden Worten: „In einem angenehmen Talgrunde, von freundlichen Anlagen umgeben, liegt zwischen Dingelstedt[1] und dem Kloster Zella, das ehemalige Kloster und jetzige Rittergut Anrode.“

Vor nunmehr 200 Jahren endete die Existenz dieses Klosters. Das Todesurteil über unser Kloster erfolgte, durch ein Dekret des Königs Jérome, zu deutsch: Hieronymus, den man auch unter dem Namen „König Lustig“ kennt, am 13. Mai 1810. Insgesamt mussten damals in Anrode 25 Nonnen – 21 Chorschwestern und 4 Laienschwestern – ihre klösterliche Heimat verlassen und zu den Verwandten in die Heimat zurückgehen. So jedenfalls schreibt es Pfarrer Bernhard Opfermann in „Die Klöster des Eichsfeldes in ihrer Geschichte“.

Die Auflösung von Klöstern bzw. deren „Nachfolgeeinrichtung“ – wenn ich sie so nennen darf – der sog. Schwesternhäuser, die es in unserer Gegend in fast jedem Dorf gab, sind leider auch in unserer Zeit an der Tagesordnung. Die Auflösung jener erfolgt heute nicht mehr von der Regierung, sondern ist eine Frage des Nachwuchsmangels der jeweiligen Orden. Auch wir haben vor zwei Jahren die Auflösung unseres Schwesternhauses erlebt. Unzähligen Menschen hat damals die Krankenschwester geholfen; unzähligen Kleinkindern, bis zur Schuleinführung, wurde eine christliche Erziehung erteilt. Jeder Leser hat wohl seine eigenen Erinnerungen an das Schwesternhaus. Nun jedoch zurück zum Kern des vorliegenden Artikels.

Am selben Tag, an dem das Kloster Anrode aufgelöst wurde, wurden neben unserem Kloster, auch das Benediktinerinnenkloster Zella bei Struth mit 17 Chorschwestern und 5 Laienschwestern und das Zisterzienserinnenkloster Beuren bei Leinefelde mit 20 Nonnen (15 Chorschwestern und 5 Laienschwestern) aufgelöst. Mit dem Dekret vom 13. Mai 1810 wurden nicht nur die letzten eichsfeldischen Frauenklöster aufgelöst – die Männerklöster hatte man schon 1803 aufgelöst (darunter auch das Zisterzienserkloster Reifenstein, von dem seit 1626 Anrode seine Pröpste und Kapläne bekam) – sondern z. B. auch die Klöster Gehrden und Willebadessen in Westfalen und St. Maria Magdalenen in Hildesheim. Die Nonnenklöster durften in Preußen, laut Reichsdeputationshauptschluss von 1803, nur mit Zustimmung des jeweiligen Diözesanbischofs aufgelöst werden. Seit dieser Zeit wurde den Klöstern verboten, weitere Novizinnen aufzunehmen, was irgendwann einmal zum Aussterben des Konventes führen musste – oder sollte. Die Professformel und die Form der Gelübdeablegung sollten geändert werden. Dagegen protestierte der erzbischöfliche Kommissarius Patberg; wahrscheinlich ohne Erfolg. Fünf Tage vor seinem „542. Geburtstag“ also, wurde das Kloster Anrode aufgelöst. Die Fundationsurkunde unseres Klosters datiert vom 18. Mai 1268. Dazu später mehr.    

Schon am 5. August 1802 erschienen die Preußen vor den Toren unseres Klosters, ohne den Regensburger Reichsdeputationshauptschluss abzuwarten – bedeckten das uralte Mainzer Rad und hingen den preußischen Adler auf, luden den Klostervorstand vor, erklärten, dass die klösterliche eigene Gerichtsbarkeit nunmehr erloschen sein und versiegelten das Klosterarchiv nebst der fast leeren Klosterkasse zum Zeichen der Besitzergreifung.

Der damalige Kammergerichtsreferendar von Raumer schrieb in einem Brief im Juni 1803: „es ist nichts als ein Plünderungssystem en detail, so betrieben wie von den Franzosen en gros; das soll dann Vaterlandsliebe wecken, alle alten Abgaben werden gelassen und alle fremden eingeführt“.

Nun soll ein kurzer Überblick mit den wichtigsten Ereignissen über die Geschichte des Klosters gegeben werden. Eine vollständige Geschichte – jedenfalls bis 1932 – bietet bis heute das Buch „Geschichte des eichsfeldischen ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Anrode“ des Pfarrers Nikolaus Görich, das er seit 1927 im Auftrag des damaligen Mühlhäuser Landrates verfasste.

Die Fundationsurkunde datiert, wie wir hörten, vom 18. Mai 1268. Gründer war der Reichsministeriale Heinrich Kämmerer von Mühlhausen. Die Grafen von Kirchberg, besaßen in unserer Gegend ein Schloss, neben einem bei Jena, bei Sondershausen und eben bei Dingelstädt. Einer dieser Grafen von Kirchberg, welcher das bei Sondershausen gelegene Schloss Kirchberg bewohnte, verpfändete das nicht weit von seinem Wohnsitze gelegene Schloss Straußberg nebst Zubehör und mehrere bei dem Eichsfeldischen Schlosse Kirchberg liegende Güter an die reiche und ansehnliche Familie Kämmerer. Unter den Gütern welche er an die Kämmerer verpfändete, war auch die Gegend von Bickenriede und Anrode. Die Herren von Kirchberg begegnen uns schon im Jahre 1146, bei der ersten urkundlichen Erwähnung von Bickenriede, als die Gebrüder Folrad und Hartog von Kirchberg in das Erfurter Peterskloster eintraten. Einer aus der Familie Kämmerer, Heinrich – dessen Gemahlin Agnes, und dessen Kinder Heinrich, Ludolf, Dietrich, Kunigunde und Ottilie hießen – fasste den Plan ein Kloster in Anrode zu gründen. Zu einer Klostergründung braucht man selbstverständlich auch Nonnen. Wo aber kamen diese her? Es ist anzunehmen, dass die Klosterfrauen aus dem um 1230 gegründeten Zisterzienserinnenkloster Breitenbich kamen. Dieses Kloster bestand aber nur kurze Zeit und musste schon um 1253 wieder aufgegeben werden, da wegen der damaligen Kriegsunruhen die Klosterfrauen ihr Gebet nicht  mehr in Ruhe verrichten konnten. Es ist anzunehmen, dass die Klosterfrauen bei dem genannten Heinrich Kämmerer in Mühlhausen wohl Unterschlupf fanden, und sie dann vor dem Jahre 1268 nach Anrode wanderten, um hier ein Kloster zu gründen. Die erforderlichen Klostergebäude mussten freilich in den folgenden Jahren erst errichtet werden. Nach der Klostergründung machten fast sämtliche adligen und besitzenden Familien der Umgegend dem neuen Kloster Geschenke oder Stiftungen. Der Stifter Heinrich Kämmerer, überließ bei der Gründung dem Kloster 10 Hufen Land, etwa 300 Morgen, einige Höfe und die Kirche in Anrode. Der Erzbischof von Mainz informierte sich über den Dominikanerprior und den Propst des Benediktinerinnenklosters St. Nikolai in Eisenach sowie über den Pfarrer von Eschwege – zwei erzbischöfliche Kommissare – ob die Gründung auch lebensfähig sei. Am 2. Januar 1269 gab Erzbischof Werner von Mainz seine oberhirtliche Genehmigung und zugleich die Vollmacht, einen Propst und einen Äbtissin zu berufen. Die Genehmigung des Landgrafen Albert von Thüringen wurde am 26. Februar 1274 erteilt. Damit war die Gründung des neuen Klosters vollendet.

In den nachfolgenden Jahren wurde unser Kloster mit reichen Zuwendungen bedacht. Eine ganz besondere Einnahme floss dem Kloster durch die Mitgift bzw. dem Erbteil der neu aufgenommenen Jungfrauen zu. Diese waren im Mittelalter meist aus dem Adel und begütert. Das Eichsfeld wies damals über 90 adlige Familien auf. Über 30 Adelstöchter sind uns bis zur Reformationszeit in Anrode bekannt. Durch Kauf hatte unser Kloster, bis um das Jahr 1388, 4500 Morgen Land, 22 Höfe und 4 Wäldchen; durch Schenkung ungefähr 68 Hufen (ca. 2000 Morgen), 4 Höfe und 2 Wäldchen; durch das Erbteil der Nonnen 32 Hufen (ca. 950 Morgen) und 2 Höfe an sich gebracht. Zusammen also 7500 Morgen Ackerland, 6 Wäldchen, 4 Mühlen, 28 Höfe und mehrere Dörfer gehörten gänzlich dem Kloster. Seit 1344 hatte das Kloster Anrode auch die niedere Gerichtsbarkeit über Bickenriede – und 1381 auch über Bebendorf – erlangt, zwei Jahre später (1346) erlangte es das Patronatsrecht über die Pfarrkirche in Bickenriede. Die Genehmigung des Mainzer Erzbischofs erfolgte zehn Jahre später im Jahre 1356. Seit dieser Zeit wohnte bis zum Jahre 1811 kein Geistlicher mehr in Bickenriede.[2] Kurz darauf kam Anrode in wirtschaftliche Schwierigkeiten, da wohl die Pachteinkünfte der angekauften Länderein in 38 Ortschaften nicht so flossen wie gewünscht. Man erbat hartnäckig Hilfe vom Erzbischof Gerlach in Mainz. Auch die Pest um 1350 mag Ausschlag für den Einbruch der Einkünfte gewesen sein. Deshalb kam im Jahre 1357 Anrode in den Besitz des Hülfensberges. Es tauschte damals mit dem Martinsstift in Heiligenstadt das Patronatsrecht über die Kirchen von Sundhausen und Büttstedt gegen das über die Kirche von Geismar und über das Wallfahrtsgotteshaus. Die erzbischöfliche Bestätigung für den Hülfensberg-Tausch erfolgte 1357 und zwei Jahre später die päpstliche durch Papst Innozenz VI. am 29. Juli 1359.

Um das Jahr 1476 hören wir negative Schlagzeilen aus Anrode. Die Kirchenzucht war so gesunken, dass eine Visitation sehr notwendig wurde, doch nicht wegen des Konventes, sondern wegen schlechter Haushaltsführung des damaligen Propstes Johann von Jena (1475-76), der als Verschwender beim Erzbischof Diether angeklagt worden war. Ob eine darauf folgende Visitation durch den Weihbischof von Erfurt, um die Rechnungen einzusehen, Erfolg hatte, ist nicht bekannt. Ein anderes trauriges, ja man kann sagen das schlimmste Ereignis, ereilte unser Kloster am 28. April 1525 als Heinrich Pfeiffer – ausgesprungener Zisterzienser-Mönch des Klosters Reifenstein – mit seiner Rotte aufgewiegelter Bauern, von Mühlhausen kommend, das Kloster in Brand steckte und bis auf die Grundmauern alles verwüstete. Johann Wolf schreibt in seiner „Eichsfeldischen Kirchengeschichte“: Pfeiffer auch „Schwertfeger“ genannt, habe bei seinen Predigten in Mühlhausen Pfaffen, Mönche und Nonnen gescholten. An dieser Stelle muss unbedingt erwähnt werden, dass die eigenen Untertanen des Klosters Anrode, die Bickenrieder Bauern selbst, das Kloster verwüsteten. Der Hass und Groll gegen die Klöster damals war nicht mit Unrecht entstanden. Die Fronen, die Hand- und Spanndienste waren hoch. Abgaben in Frucht und Geld, Zins und Zehnten waren drückend und das bei meist kargem Verdienst.

Es drängt mich an dieser Stelle weiter in der Klostergeschichte voranzuschreiten, wenn auch noch mehr zu berichten wäre. Die Erholung nach dem Bauernaufstand dauerte sehr lange. Von 1534 bis 1577 hatte unser Kloster sieben weltliche Verwalter, leider nicht zu seinem Nutzen. Endlich wurde David Böddener, ein Hesse aus dem Kreis Marburg a. d. Lahn, Propst auf Anrode. Am 18.12.1577 wurde Böddener vom erzbischöflichen Kommissarius Heinrich Bunthe feierlich ins Kloster eingeführt. Er war vorher protestantischer Pastor im Amt Homburg, war zweimal verheiratet und wurde 1585 vom Erfurter Weihbischof zum Priester geweiht. Am 20. Oktober 1585 feierte er sein erstes Messopfer in Anrode. Görich berichtet in seiner Klosterchronik, dass Böddener bei seiner Ankunft nur 2 Klosterfrauen und 3 Novizinnen vorfand. Propst Böddener baute das Kloster wieder auf und sammelte die verloren gegangenen Urkunden der Vorreformationszeit wieder ein. Teilweise musste er sie sogar teuer zurück kaufen. Die Urkunden wurden zum Glück zwei Tage vor dem 28. April 1525 nach Heiligenstadt in Sicherheit gebracht. Die religiöse Erneuerung ging damals nur schleppend voran. Anlässlich der Schulzenwahl im Jahre 1598 berichtete Böddener der kurfürstlichen Regierung, dass er nur einen Aufrechten vorschlagen könne, Sebastian Lange, der noch den Mut habe die Osterbeichte abzulegen und mit seiner Familie zum Hülfensberg wallfahre, während der Gegenkandidat sich lieber in Dörna aufhalte und mit den lutherischen Pfarrer zeche und die Partei des früheren üblen Schulzen vertrete, welcher die Einführung lutherischer Lieder in den Bickenrieder Gottesdienst heimlich betrieben hat. Den Name des Nachfolgers des Schulzen Lange, Martin Saul (seit 1604), sehen wir heute noch auf unserem Taufstein in der Kirche. Am 27. August 1612 starb Propst David Böddener nach 35jähriger Verwaltung des Klosters Anrode und 22jähriger des Klosters Zella. Nun kam wieder eine furchtbare Zeit heran: der 30jährige Krieg. 1622 mussten die Klosterfrauen nach Mühlhausen in ihren Freihof in der Holzstraße flüchten, vor dem „tollen“ Christian von Braunschweig. Am 4. und 5. Juni 1622 duldete er unter anderem, dass die Kanzel auf dem Hülfensberg zerschlagen, die schöne Orgel und der Altar geschändet wurden, sodass sie neu konsekriert werden mussten. Die Schweden rückten 1632 nach der ersten Eroberung des Gleichensteins unter ihrem Oberst Schlammersdorf nach Anrode und Bickenriede, „denen unglaublicher Schaden zugefügt“ wurde mit Plündern und Brennen. Am Pfingstmontag, den 31. Mai 1632 ließ der schwedische Graf von Löwenstein den Propst von Anrode (P. Joachim Bartholomaei 1628-39) mit 16 Jesuiten und den höchsten eichsfeldischen Würdenträgern gefangen nehmen, in gemeiner Weise auf einem Mistwagen zuerst nach Mühlhausen und dann nach Erfurt als Geiseln schleppen, wobei sie aufs schimpflichste behandelt und von den Städtern mit Schmutz und Steinen beworfen wurden. Nach viermonatiger Haft wurden sie von General Pappenheim befreit. Am 28. Juni 1632 verwüsteten die Eichsfelder u. a. auch die Bickenrieder bzw. Dörnaer Warte, weil drei Tage vorher die Mühlhäuser Breitenbich und Faulungen überfielen. Ein paar Tage später, am 4. Juni, marschierte ein Weimarer Major samt etlichen Kompanien zu Ross und zu Fuß nach Bickenriede und Anrode, die sie plünderten und in Brand steckten, wobei der Mühlhäuser Bürgermeister Selig wacker half. Was Propst Böddener in 35jähriger Mühevoller Arbeit aufgebaut hatte, wurde 1632 fast alles wieder zerstört. Das Eichsfeld galt jetzt als völlig unterworfen. Mit den Prager Frieden vom 30. Mai 1635 kam das Eichsfeld wieder zu Kurmainz. 1642 brandschatzten 300 schwedische Reiter Anrode und viele eichsfeldische Ortschaften. Immer wieder mussten damals die Nonnen flüchten, z.B. in die Hollau oder den Mühlhäuser Freihof. Aber selbst da blieben sie nicht unbehelligt. 1642 nahm man den Nonnen ihre letzte Kuh ab. Am 24. Oktober 1648 erscholl endlich die Friedensglocke. Ein feierlicher Dankgottesdienst wurde im Kloster wie im ganzen Eichsfeld zelebriert. Aber wieder war fast alles zerstört, was vor dem Krieg schön aufgebaut wurde. Die Felder voll Unkraut und verödet, die Wälder verwildert, die Gebäude zerstört. Nun fehlten Pferde und Kühe zur Bewirtschaftung und Menschen die sie führten. In Bickenriede standen noch 47 Häuser. Nur langsam kam die Genesung. U. a. wurde 1649 eine Scheune, 1651 ein Schafstall und 1652 wurde das Propsteigebäude wiederaufgebaut. Aus dem Jahre 1698 hören wir, das in diesem Jahr eine große Missernte und Hungersnot herrschte, sodass die Bettler das Kloster umlagerten. 1755 krepierte die ganze Schafherde in Anrode, weil in vielen eichsfeldischen Ortschaften die Rindviehpest ausgebrochen war. Ein Jahr später brach der 7jährige Krieg aus. Wieder eine Zeit unaufhörlicher Einquartierungen, Kontributionen und Beschädigungen. Wie im Kloster Teistungenburg so wurde wahrscheinlich auch in Anrode ein Spital für Verwundete und Kranke notdürftig eingerichtet. Am 16. Februar 1760 wurde der Propst P. Adam Kaltwasser (1744-1760) als Geißel fortgeschleppt, weil ein tyrannischer Rittmeister unaufbringbare Summen vom Kloster forderte (von Teistungenburg etwa 26000 Taler). Der Kommissarius in Heiligenstadt drang auf die Resignation des schwer heimgesuchten Propstes „weil er weder der Ökonomie nützlich administrative zumal bei diesen betrübten kriegerischen Zeitläufen noch er den Propst obliegenden und anvertrauten Funktionen vorzustehen nicht mehr fähig erachtet werden könne“. An seine Stelle wurde P. Anselmus Hunold zum Propst gewählt (1760-1788), da er geeignet schien das zum „Untergang sich neigende Kloster“ zu retten. Noch im selben Jahre 1760  musste auch die Äbtissin Benigna Funke resignieren, weil sie 84jährig und erblindet war und nicht einmal mehr ihren Namen schreiben konnte. Ihre Nachfolgerin Josepha Degenhardt (1760-1768) baute 1765/66, zusammen mit Propst P. Anselmus Hunold, das Vorwerk (Forsthaus) Neuhaus, auch Bezzelsrode genannt, wieder auf. Aus all den oben genannten Gründen war das Kloster in Unordnung und große Schuldenlast geraten. Am Schluss des 7jährigen Krieges 1763, forderte Preußen vom verarmten Eichsfeld die unglaubliche Summe von 825000 Talern, 1000 Rekruten und 500 Pferde. Furagewagen mussten per Achse bis nach Allendorf, Eschwege und Dingelstädt geliefert werden. Am 15. Februar 1763 mit dem Hubertusburger Frieden endete der Krieg. Erst am dritten Adventsonntag, dem 11. Dezember 1763 konnte ein schlichter Dankgottesdienst im Kloster gefeiert werden. Noch 40 Jahre lang hatte Anrode an den Kriegsschulden zu tragen. 1777 besaßen die Klöster Zella und Teistungenburg keine Schulden mehr. Anrode jedoch war z. B. zur Reparatur des baufälligen Kreuzganges  und anderer Klostergebäude im selben Jahr zu arm. Die Äbtissin Anna Cäcilia Dietrich klagte am 24. September 1771 dem Kurfürsten ihr Leid „die Unkräften unseres äußerst erschöpften in armseligen Umständen erweislich stehenden Klosters hinderten, einen Ordensbeichtvater und einen Pfarrer von Bickenriede in einer zweifachen Person zu unterhalten“. Der Kommissarius bestätigte dies, „Anrode sei in einen leider handkundigen Verfall gekommen, obwohl es vielleicht die meisten Ländereien unter den hiesigen Klöstern habe und trotz der ansehnlichsten Intraden.“ Propst Kaltwasser habe damals keine weise Verwaltung geführt und 50 Hufen (etwa 1500 Morgen) unkultiviert gelassen.

Aus seinem finanziellen Elend kam Anrode erst unter dem vorletzten Propst P. Stephanus Mande (1789-1809). Der religiöse Zustand in den letzten Jahren war erfreulicher als der wirtschaftliche. Der Visitationsbericht des Jahres 1767 lobt einen würdigen Gottesdienst, den Frieden und die Eintracht. Die Berichte aus den Jahren 1778 und 1779 besagen noch mehr: „Die Disziplin des Klosters sei bestens gehalten worden, … Chorgesang und Ritus könnte sämtlichen Klöstern zum Muster gegeben werden; die Klausur werde aufs strengste beobachtet.“ 1773 wurde in rücksichtsloser Weise der Jesuitenorden aufgelöst und somit auch das Kloster in Heiligenstadt, dem doch die ehemalige Rettung des katholischen Glaubens in unserem Lande größtenteils zu verdanken ist.

Durch den Lüneviller Frieden vom 9. Februar 1801 kam das Eichsfeld an Preußen und König Friedrich Wilhelm III. ließ schon am 3. August 1802, also noch bevor der Reichsdeputationshauptschluss in Regensburg zusammentrat, seine Soldaten und Beamten ins Eichsfeld einrücken. Am 5. August 1802 erschienen – wie schon oben erwähnt – vor den Toren des Klosters Anrode die Preußen und hingen den Adler auf und bedeckten das uralte Mainzer Rat, luden den Klosterstand vor und erklärten die klösterliche eigene Gerichtsbarkeit für erloschen und versiegelten das Klosterarchiv nebst der fast leeren Klosterkasse zum Zeichen der Besitzergreifung.

Insgesamt wechselten durch den Reichsdeputationshauptschluss 112 Reichsstände, darunter ein weltliches und zwei geistliche Kurfürstentümer, 19 Reichsbistümer und 44 Reichsabteien den Besitzer.[3]

Die letzte Firmung in Anrode fand am 14. September 1809 durch den Palastbischof Freiherr von Wendt statt.

Am Fest des hl. Bonifatius, dem 5. Juni 1810 – also vor genau 200 Jahren – wurde dem Konvent das Dekret (vom 13. Mai 1810) des König Hieronymus durch den Domänendirektor Reiche bekannt gemacht. Man kann sich den Schmerz des Konventes vorstellen.   

Zur Zusammenstellung des Klosterkonventes möchte ich folgendes sagen. Dieser umfasste etwa 20-30 Mitglieder. An der Spitze standen die Äbtissin und Priorin. Die übrigen Klosterämter waren: Küsterin oder Sakristantin, Kaplanin der Äbtissin, Gastmeisterin, Kellermeisterin, Speichermeisterin, Küchenmeisterin, Schaffnerin, Pförtnerin, Krankenmeisterin, Kornmeisterin, Kleidermeisterin, Käsemeisterin, Organistin. Neben den Chorschwestern standen ca. 2-5 Laienschwestern, die mehr äußere Arbeiten leisteten, besonders im Kochen und Backen.[4] Es fehlen aber noch zwei wichtige Personen, die ebenfalls im Kloster wohnten. Der Propst und der Kaplan. Ohne sie kann kein Gottesdienst gefeiert werden. Der erste war der Verwalter des Klosters und feierte die Gottesdienste in der Klosterkirche. Der Kaplan war Beichtvater der Nonnen und hatte als Pfarrer die Klosterpfarrei im benachbarten Bickenriede zu betreuen. Im Mittelalter kamen die Klosterpröpste aus dem Weltklerus, seit etwa 1626, wie schon erwähnt, aus dem Kloster Reifenstein, dem einzigen Zisterzienserkloster des Eichsfeldes.

Nordhäuser Courier vom 30. Mai 1886


Am 27. August 1811 wurde unser Kloster für 204000 Franc an den Hannoverschen Oberamtmann Johann Franz Justus von Wedemeyer von Eldagsen auf Katlenburg verkauft. Paramente, Kelche, Statuen und Altäre wurden durch den Kommissarius an bedürftige Kirchen verteilt. Der Hochaltar kam nach Wiesenfeld, ein Nebenaltar nach Streitholz und einer nach Bernterode (Heil.) und nach Struth, die Orgel nach Rengelrode, 1 Ziborium, 3 Kaseln, 3 Alben und 7 Altartücher kamen auf den Hülfensberg. Wohin die Monstranz und Kelche gelangten, ist unbekannt. Der letzte Probst P. Bernhard Schuchardt musste seine Propstei für den neuen Herren räumen. Der Klosterkaplan zog 1811 nach Bickenriede. Die Äbtissin, die Priorin, die Chorschwestern und die Laienschwestern bekamen eine Abfindung.

Nun war den Klosterhof frei für den neuen Besitzer. Der katholische Kultus war aus Anrode für immer beseitigt. Die Kirche wurde Pferdestall. Keine Glocke rief mehr zum Gottesdienst und Gebet. Das ewige Licht erlosch für immer. 


[1] Erst 1859 nach der Erhebung zur Stadt, wurde aus Dingelstedt Dingelstädt. (Aloys Schäfer, Dingelstädt)

[2] Siehe AMTSBLATT Nr. 10/2009

[3] S. Fischer-Fabian, Preußens Krieg und Frieden, Der Weg ins Deutsche Reich, S. 93

[4] B. Opfermann, Die Klöster des Eichsfeldes in ihrer Geschichte, S. 154

Klosterkirche 
aus dem Jahre 1670
 

Abtei


Propstei und Kirche um 1670





Anröder Freihof in Mühlhausen


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